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Evangelische Seelsorge im Philippshospital heute:
Ein Kaffee auf Station
Ein offener Blick in die Erwachsenen-Psychiatrie des Philippshospitals in Riedstadt von Heidi Förster
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Pfarrer Ernst-Ludwig Schmidt und Psychiatrie-Patienten
vor der
Hospitalkirche des Philippshospitals warten auf den Beginn der "Meditativen Andacht" am Dienstág |
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Die Patientin Carla (x) begrüßt Pfarrer Karl-Heinz Schmidt freundlich, fragt, wie sein Urlaub in Brasilien war und es scheint eine ganz normale Kaffeerunde zu sein. Doch die Patienten, die sich dienstags
auf der „9.4“ – der einzigen offen geführten Station im „Zentrum für Soziale Psychiatrie Riedstadt“ (Philippshospital) - zur offenen Gesprächsrunde treffen, haben Probleme, die sie in ihrem Alltag zu Hause nicht
mehr bewältigen konnten.
Die Zimmer mit zwei bis drei Betten sehen aus wie in jedem anderen Krankenhaus, doch die PatientInnnen, zwischen 18 und 65 Jahre alt, haben keine Verletzungen, die äußerlich sichtbar sind, die mit Spritzen, Infusionen oder einer Operation heilbar
wären. Die Männer und Frauen, die den Sommer stationär in Riedstadt verbringen, brauchen dringend Hilfe – und dazu zählen Menschen, die zuhören und nicht etwa sagen: „Reiß dich mal zusammen“!
Carla schaut plötzlich nur noch traurig und leer, die Arme auf der Brust verschränkt, jede Regung ist aus ihrem Gesicht gewichen. „Ich weiß nicht, wo mein Herz ist, um mich ist schwarze Nacht“, erzählt sie leise. Der Klinikseelsorger
Ernst-Ludwig Schmidt wartet aufmerksam und lässt das Schweigen zu. Nichtstun ist für Carla bedrohlich. Sie wuchs als älteste Tochter einer Bauernfamilie in Litauen auf, in einer kleinen Hütte, musste ihre Geschwister versorgen und in der
Familie zählte nur Arbeit. Ihr einziger Lichtblick war die Schule, doch die Bücher musste sie zuhause verstecken wie auch jedes kleine Spielzeug...denn nur die Arbeit zählte.
Am liebsten spielte sie mit kleinen Steinen, heimlich, wenn es keiner sah, dann versteckte sie sie in der Hosentasche.
So, als könnten die Steine sie verstehen...
Die anderen Patienten erzählen, dass Carla wunderschöne Specksteine in der Künstlerwerkstatt der Klinik geschliffen habe, doch Carla winkt ab. Ist sie doch gewohnt, alles, was Freude macht, verstecken zu müssen. Doch die Gruppe bleibt
hartnäckig und Carla holt uns ihren frisch geformten Speckstein, vorsichtig in ein Tuch gehüllt: Eine Unterwasserlandschaft aus einem großen Stein und kleinen Fischen darauf. Die Fische haben sich in einer Nische im Stein versteckt.
Seit neun Wochen ist Carla auf Station und sie weiß nicht, wie es weiter gehen soll, nach Hause kann sie nicht gehen, zu ihrer Familie im Kreis Groß-Gerau.
Auch Manuela(x) ist froh, in der Psychiatrie und nicht zu Hause zu sein. Sie zittert, blickt starr geradeaus und wirkt mitgenommen. Doch sie ist froh, dass ihre Tochter an jenem Morgen früher von der Schule nach Hause kam...
Die 42-jährige wollte so nicht mehr weiterleben
Seit einer missglückten Operation im Lendenwirbelbereich leidet die dreifache Mutter unter starken, chronischen Schmerzen. „So konnte ich nicht weiterleben“, erzählt sie erschöpft und hofft nun, vom Philippshospital direkt in einer
Fachklinik verlegt werden zu können - für eine zwar schwere Operation, die aber hoffentlich langfristig die Schmerzen – auch die seelischen - lindern soll.
Was hilft am meisten?
Was hilft diesen Patienten und Patientinnen, möchte ich von dem Klinikseelsorger Schmidt wissen, der persönlich die Folgen eines Nervenzusammenbruchs kennt.
„Zeit haben und rückfragen“ lautet seine Antwort. Der Theologe verfügt über langjährige Erfahrungen in Supervision, Seelsorge, Gesprächsführung und Psychoanalyse und hebt hervor, wie wichtig ein „stützendes
Milieu aller Mitarbeitenden“ sei.
Die Kaffeestunde von 15-16.00 Uhr ist schnell verflogen. Die Patienten und Patientinnen haben lebendig erzählt und einander interessiert zugehört. Eine Kaffeerunde, getragen vom stillen Einverständnis gegenseitigen Respekts.
Und ich gehe mit dem Gefühl nach Hause, dass es gut tut, Menschen zu kennen, die engagiert und kompetent helfen können wie Pfarrer Ernst-Ludwig Schmidt und gern würde ich die „Bewohner und Bewohnerinnen“ der offenen Station im Philippshospital
einmal wieder besuchen, zum Kaffee.
Link: Philippshospital Riedstadt
(x): Name von der Autorin geändert
Heidi Förster
Öffentlichkeitsbeauftragte, 12.08.2005
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