Landgraf Philipp: Anwalt für psychisch Kranke

Bild: Dr. Hartmut Berger
Dr. Hartmut Berger berichtete über die Situation psychisch kranker Menschen heute und zu Philipps Zeiten
 

Welche Ideen haben 500 Jahre lang Bestand? Die Absicht Philipp des Großmütigen, in Hospitälern körperlich und psychisch kranke Menschen in ländlichen Regionen pflegen zu lassen, ist bis heute aktuell. Noch in drei der vier von Landgraf Philipp gegründeten Hospitälern werden seelisch Kranke betreut. Eins ist das Philippshospital bei Riedstadt-Goddelau im Hessischen Ried. Dr. Hartmut Berger, ärztlicher Direktor der Klinik für Erwachsenen-Psychiatrie, sprach über die herausragende Bedeutung Philipps für die Psychiatrie mit Rita Deschner.

  Reportage:
  Evangelische Seelsorge im Philippshospital heute:
Ein Kaffee auf Station

Ist Philipps Engagement für das Armen- und Krankenwesen auch heute ein Wertmaßstab für den Umgang mit psychisch Kranken?

Dr. Hartmut Berger: Ja. Philipp von Hessen zeichnet aus, dass er sich gegen den Zeitgeist stellte und sich sozusagen zum Anwalt psychisch Kranker machte. Das ist eine Botschaft, die wir heute weitertragen müssen.

Was zeichnete ihn aus?

Dr. Hartmut Berger: Vorher hatte man gar keinen Begriff für Geisteskrankheit. Wegweisend war Philipps Erkenntnis, dass seelische Störungen wirklich Krankheiten sind. Es herrschte die gesellschaftliche Auffassung, dass seelisch Kranke und Epileptiker Menschen sind, die vom rechten Glauben abgefallen waren. Daher wurden sie eher bestraft und in Gefängnisse gesteckt, wie in die mittelalterlichen Narrentürme oder auf die Narrenschiffe. Man stellte sie auch auf Jahrmärkten aus und Frauen wurden als Hexen verbrannt.

Mit welchen Krankheiten kamen die Patienten zur Zeit Philipps des Großmütigen in das Philippshospital?

Dr. Hartmut Berger: Soweit wir wissen, wurden dort Menschen mit infektiösen Erkrankungen betreut. Sie litten an Lepra, der Pest, der Cholera, den Pocken - also an den großen Epidemien des Mittelalters. Das waren dann die so genannten Aussätzigen, denn diese Krankheiten brachten meist unschöne Hauterkrankungen mit sich. Patienten mit Tuberkulose wurden ebenfalls aufgenommen.

Eine weitere große Gruppe waren Patienten mit geistigen Behinderungen. Hirnorganische Erkrankungen traten damals oft infolge von Infekten im Kindesalter auf, wie den Masern oder den Mumps, die damals noch nicht behandelbar waren. Dadurch gab es einen sehr viel höheren Anteil an Menschen mit geistigen Behinderungen. Auch Anfallskranke, also Epileptiker, gehörten zu den Patienten und Menschen mit anderen neurologischen Erkrankungen.

Wie sah die Behandlung im Philippshospital damals aus?

Bild: Fußfesseln
Im Philippshospital ist auch ein Psychiatrie-Museum untergebracht, das auch Fußfesseln zeigt, wie sie vermutlich schon im 16. Jahrhundert bei widerspenstigen Insassen eingesetzt wurden.
 

Dr. Hartmut Berger: Die Krankheiten wurden nicht behandelt. Es gab keine ärztliche Versorgung und keinen Psychiater. Hausangestellte kümmerten sich um die Kranken, was aber nicht mit einer qualifizierten Krankenpflege vergleichbar ist. Hausvögte, also Verwaltungsleiter, achteten darauf, dass der Sinn der Stiftungsurkunde erfüllt wurde. Danach sollten sämtliche Patienten nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten tätig sein, ganz im Sinne von `beten und arbeiten´. Das machte für die psychisch Kranken Sinn, denn es war eine Art `Beschäftigungstherapie´. Dies gab ihnen Selbstvertrauen und integrierte sie wieder ein Stück in die Gesellschaft, aus der sie ausgegrenzt waren. Dieses Konzept führte dazu, dass die ganze Stiftung wirtschaftlich sehr profitabel war. Das Spital entwickelte sich zum Zentrum des Handwerks im Hessischen Ried. Es war berühmt für seine Möbelbauten und hat praktisch die gesamten Weinfässer für Rheinhessen und den Rheingau geliefert.

Wie behandeln Sie heute Ihre Patienten?

Dr. Hartmut Berger: Heute profitieren unsere Patienten von den Entwicklungen der Vergangenheit. Die verschiedenen Therapieformen, wie die Psychotherapie, die medikamentösen Therapie und die Sozio-Therapie beinhalten viele Behandlungsmöglichkeiten. Wir suchen für jeden Patienten aus allen Therapieformen die passenden Bausteine heraus.

Welche Krankheiten behandeln Sie heute im Philippshospital?

Dr. Hartmut Berger: Wir haben 3500 Aufnahmen pro Jahr. Ein Drittel der Patientinnen und Patienten sind alkohol-, drogen- und / oder medikamentenabhängig. Ein weiteres Drittel stellen die altersbedingten Erkrankungen mit Verwirrtheitszuständen und depressiven Störungen dar. Bei der dritten Patientengruppe handelt es sich um Menschen mit schizophrenen Psychosen, mansich-depressiven Psychosen und seelischen Störungen in Folge von Lebenskonflikten.

Ab 1533 führte Philipp seine Sozial- und Gesundheitsreform durch. 500 Jahre später stand wieder eine Gesundheitsreform an: Was bedeutet sie für das Philippshospital?

Dr. Hartmut Berger: Die Reform bedeutet eine Verschlechterung der Behandlung von psychisch Kranken. Sie steht unter dem Motto: "Wo kann man Geld sparen?". Bereits jetzt können wir eine Reihe von Patienten nicht mehr angemessen stationär behandeln, weil die Finanzierung nicht ausreicht. Wir entlassen sie frühzeitig und es gibt keine entsprechende Pflegeeinrichtung, die sie aufnehmen kann. So nimmt die Obdachlosigkeit unter den Betroffenen zu, ihre gesundheitliche Situation verschlechtert sich offenbar und sie sterben früher. Psychiatrischen Erkrankungen sind in der gesundheitspolitischen Diskussion leider ein Tabu, obwohl seelische Störungen in unserer Gesellschaft immer mehr zunehmen. Ein Viertel der Bevölkerung bedarf nachweislich einmal im Leben psychiatrischer Hilfe!

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