Philipp im feministischen Kreuzfeuer

Frauen und die Reformation

Katharina Zell, Argula von Grumbach und Juliane von Stolberg-Wernigerode sind Frauen, die sich aktiv für die evangelische Lehre während des 16. Jahrhunderts einsetzten.

Katharina Zell, die aus Straßburg stammte, verfasste theologische und kirchenpolitische Streitschriften. Die mit Matthäus Zell verheiratete Pfarrfrau nahm im Pfarrhaus und später in einem verlassenen Franziskanerkloster verfolgte Protestanten auf. Bis 1536 gab sie außerdem vier Hefte mit deutschen Kirchenliedern heraus.

Argula von Grumbach setzte sich mit Flugschriften für eine freie Verkündigung des Evangeliums ein. Sie beschwerte sich in einem Brief an den Rektor der Universität in Ingolstadt, dass ein junger Magister in einem öffentlichen Prozess zum Widerruf gezwungen wurde. Er hatte Studenten für Luthers Lehre gewinnen wollen.

Juliane von Stolberg-Wernigerode war mit dem Grafen Wilhelm von Nassau verheiratet, der in Hanau den evangelischen Glauben einführte. Sie hatte bedeutenden Einfluss auf die Ausbreitung der Reformation in Nassau und erhielt Unterricht von Tilemann Plattner, einem Studienfreund Luthers. Durch ihre Erfahrungen konnte sie ihren Ehemann bei der Einführung der Reformation unterstützen und beraten.

Ausgerechnet ein Bigamist führte in Hessen die Reformation ein. Als Ehemann von zwei Frauen bot Philipp von Hessen besonders für seine Gegner eine moralische und rechtliche Angriffsfläche.

Diese nutzte Kaiser Karl V. und eröffnete einen Krieg gegen den Landgrafen und seine Verbündeten.

Wie heute eine Vertreterin der Kirche die Schwächen Philipps beurteilt, beantwortet Christel Ledig, theologische Referentin in der "Arbeitsstelle Frauen in der Kirche" der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

 

Interview

Was halten Sie als theologische Referentin der "Arbeitsstelle Frauen in der Kirche" von Philipp dem Großmütigen, der mit zwei Frauen gleichzeitig verheiratet war?

Christel Ledig: Seine Leistungen für die Reformation schätze ich sehr, er war ein strategisch handelnder und kluger Mann. Seine Doppelehe schmälert keinesfalls seine politischen Leistungen, die eng mit der Ausbreitung der Reformation verknüpft sind. Nach 500 Jahren zu seiner Lebensführung aus heutiger Sicht eine Aussage zu treffen, halte ich für schwierig, denn die Rechtslage, die ökonomischen Bedingungen und Moralvorstellungen haben sich sehr verändert. Ob die Doppelehe mit dem Einverständnis aller drei Personen zustande kam oder Philipp die finanzielle Abhängigkeit der Frauen zu seinem persönlichen Vorteil ausnutzte, bleibt offen. Die Frage der Treue und Wertschätzung zwischen Mann und Frau kann ja nur von gleichstarken, unabhängigen Partnern fair ausgehandelt werden. Da liegen die Probleme. Es darf auch nicht vergessen werden, dass es umgekehrt den Frauen damals nicht zustand, erotische Beziehungen zu mehreren Männern zu pflegen.

Sie haben nichts gegen Bigamie einzuwenden?

Christel Ledig: Eine Doppelehe zu führen, war schlicht ein Rechtsbruch. Früher und heute ist es gesetzlich nicht anerkannt, mit zwei Frauen gleichzeitig verheiratet zu sein. Damals hat man allerdings nicht nur dem Landgrafen moralische Vorwürfe gemacht, sondern er verlor seine politische Glaubwürdigkeit aus rechtlichen Gründen.

Wenn jemand moralische Maßstäbe angelegt hat, dann war es Philipp selbst. Er heiratete ein zweites Mal, um seine außerehelichen Abenteuer abzustellen. Er wollte seiner gelebten Sexualität einen gesetzlichen Rahmen verschaffen. Damit hat er nach der moralisch besseren Lösung gesucht, sich aber politische Probleme eingehandelt. Hätte er weiter seine Affären gehabt, hätte er keine Schwierigkeiten bekommen. Das Phänomen der Doppelmoral gab es damals wie heute.

Philipp begründete seine Doppelehe aus dem Alten Testament. Dort sind Patriarchen wie Jakob auch mit mehreren Frauen verheiratet. Wie begegnen Sie heute einer solchen Argumentation?

Christel Ledig: Ja, das steht tatsächlich im Alten Testament. Philipp nutzte sein Schriftverständnis für seine persönlichen Interessen und scherte sich in diesem Fall nicht um kirchliche Traditionen und das bestehende Recht. Der Anlass einer Ehe in den biblischen Geschichten wie auch in der Zeit Philipps war nicht ausschließlich die Liebe zwischen zwei Menschen. Der Sinn war vor allem, Frauen und Kinder zu versorgen und das Erbrecht zu regeln.

Wie bewerten Sie das Verhalten Bucers und Melanchthons, die der zweiten Hochzeit mit einem Beichtratschlag zustimmten?

Christel Ledig: Die beiden Reformatoren handelten sehr pragmatisch, als sie der zweiten Heirat zustimmten. Sie wollten Philipp als ihren Verbündeten keinesfalls verlieren. Mit dem permanenten Ehebruch, der ja Sünde war, waren sie auch nicht einverstanden. Es war ihnen schon bewusst, dass die Doppelehe nur ein fauler Kompromiss ist. Die zweite Hochzeit sollte auch deswegen geheim gehalten werden, weil sie befürchteten, dass dies Schule machen könnte. Das hätte zur Folge haben können, dass das sittliche Leben der Bevölkerung ins Chaos stürzt und die sozialen Bindungen mit allen Folgen für die Gesellschaft auseinanderbrechen.

Welche Bedeutung haben die Frauen heute, die sich um die Reformation verdient gemacht haben?

Christel Ledig: Leider haben sie viel zu wenig anerkannte Bedeutung. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hat das Wissen über diese Frauen bis heute noch nicht angemessen honoriert. Bei der Umarbeitung der Kirchenordnung in geschlechtergerechte Sprache, weigerten sich die männlichen Kollegen in der Präambel den Passus "Väter der Reformation" zu verändern in "Väter und Mütter der Reformation" – und das im Jahr 2002.

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