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Anekdoten
An Ketten aufgehängt
Nach dem Sieg des Kaisers gegen die Protestanten
und der Niederlage des Schmalkaldischen Bündnisses geriet
Landgraf Philipp in Gefangenschaft. Kaiserliche Truppen überrannten
die Landgrafschaft Hessen und zerstörten die Festungen – nur
die Festung Ziegenhain nahmen sie nicht ein. Der mutige Festungskommandant
und treuste Gefolgsmann des Landgrafen, Heinz von Lüder,
wehrte sich. Er widersetzte sich den Befehlen des Kaisers und
erwiderte dem Grafen Reinhard von Solms, der ihm das Bauwerk
entreißen wollte: "Der freie Landgraf hat mir die
Festung übergeben. Und einem freien Landgrafen werde ich
die Festung wieder übergeben."
Als Philipp nach fünf Jahren in kaiserlicher Gefangenschaft
wieder nach Hessen zurückkehrt, forderte der Kaiser ihn unverzüglich
auf, Heinz von Lüder an einer Kette in Ziegenhain aufhängen
zu lassen. Philipp erschrak. Seinen ergebenen Freund Lüder
wollte er auf keinen Fall in den Tod schicken.
Der 48-jährige
Philipp beschloss dennoch, die Anweisung des Kaisers zu befolgen.
Er ließ sein Pferd satteln und galoppierte
mit einigen Gefolgsleuten nach Ziegenhain.
Heinz von Lüder erwartete den Landgrafen bereits am Tor der
Festung. Philipp umarmte Heinz und lobte ihn für seine Treue.
Auf dem Hof der Festung war ein Gesandter des Kaisers als Augenzeuge
und die Ritterschaft versammelt. Atemlos wartete die Menge auf
die Reaktion des Landgrafen - aber was tat er? Philipp
nahm eine goldene Kette, legte sie um den Bauch von Heinz von Lüder
und zog ihn ein Stück an dem Tor hoch, ohne ihm weh zu tun. Gleich darauf befahl er: "Nehmt ihn wieder ab!" Die
kostbare Kette schenkte er Lüder für seine tapferen Verdienste.
Der
Gesandte des Kaisers protestierte sogleich, doch Landgraf Philipp
entgegnete ihm: "Ich habe dem Kaiser mein Wort gehalten:
Ich sollte Heinz von Lüder aufhängen lassen - das habe
ich getan."
Die vertriebenen Mönche
Landgraf Philipp der Großmütige
beschloss, die Klöster
in Hessen aufzulösen. Ein reformiertes Land brauchte keine
Klöster mehr. Daher befahl er den Äbtissinnen und Äbten,
dass die Nonnen und Mönche ihre Klöster verlassen sollten.
Manche Insassen kamen dieser Aufforderung nach, andere wehrten
sich. Dazu gehörten die Mönche des Klosters Haina. Die
Hainaer Mönche räumten nur unter Protest ihre bisherige
Bleibe. Sie zogen sich auf ihre Höfe in der freien Reichsstadt
Frankfurt zurück, die sie behalten durften.
Landgraf Philipp wandelte das leere Kloster Haina in ein Hospital
um, in dem arme, alte, kranke und verwirrte Menschen betreut wurden.
Jeden Tag klopften neue Patienten an die Tür und wurden aufgenommen.
Der Vorsteher des Hospitals war Heinz von Lüder. Er verwaltete
nicht nur Haina, sondern auch andere Hospitäler. Er machte
die Abrechnungen und kontrollierte, ob die Kranken gut versorgt
wurden. Eines Tages forderten die ehemaligen Mönche von Haina
ihr Kloster zurück und schickten von Frankfurt aus eine Abordnung
nach Haina.
Doch Heinz von Lüder erwartete sich schon. Zuvor hatte er
die Helfer und Pfleger gebeten, alle Kranken nach draußen
zu bringen. Vor dem Kloster standen, saßen oder lagen sie
und warteten auf die Ankunft der Mönche. Heinz von Lüder
begrüßte den Abt, mit den Worten: "Sicherlich
könnt Ihr das Kloster wiederhaben. Aber all diese Kranken,
Gebrechlichen, Schwachsinnigen und Gepressten müsst Ihr mit
dazu nehmen!" Die Mönche starrten entsetzt auf die große
Menge der Kranken und Armen. Mit diesen verkrüppelten, aussätzigen
und wahnsinnigen Menschen sollten sie sich plagen? Nein, das wollten
die Mönche nicht und kehrten auf der Stelle um. Der Landgraf
konnte so weiterhin in Haina bedürftige Menschen pflegen lassen.
Mit der Feile in die Freiheit
Einer der ersten evangelischen Prediger in Hessen war Bartholomäus
Riseberg in Immenhausen. Er verkündete das Evangelium in Hessen,
als Landgraf Philipp noch der katholischen Kirche angehörte.
Er war sehr erfolgreich, viele Immenhauser Bürger strömten
zu ihm. Einem katholischen Mönch, dem offiziellen Stadtprediger,
gefiel das überhaupt nicht und er verklagte seinen Konkurrenten.
Der
Landgraf befahl, dass Bartholomäus Riseberg in Immenhausen
nicht mehr seine reformatorischen Lehren verbreiten durfte. Philipp
ging sogar so weit, dass er den evangelischen Prediger in der Immenhausener
Kirche verhaften ließ. Reiter brachten ihn nach Grebenstein,
wo er in einen Turm eingesperrt wurde.
Man war sich aber nicht einig, wie man mit dem Gefangenen weiter
verfahren sollte. Sollte man ihn aushungern? Oder verbrennen?
Oder doch lieber an den Papst ausliefern?
Seine Freunde vergaßen
Bartholomäus Riseberg jedoch
nicht. Einem gelang es, eine Feile in den Kerker zu schmuggeln.
Jede Nacht, wenn die Wachen schliefen, bearbeitete der ausgemergelte
und erschöpfte Riseberg die Gitterstäbe am Fenster, die
in die meterdicken Mauern eingelassen waren. Oft unterbrach er
seine Arbeit und lauschte ängstlich, ob er einen Wächter
aufgeweckt habe. Jedes leise Knacken ließ ihn zurückzucken
und die Arbeit für Minuten beenden. Nach einigen Wochen trennte
er mit letzter Kraft die letzte Eisenstange ab. Er flüchtete
die Stiege des Turmes hinab, warf noch einen Blick zurück
und verließ dann das Land Hessen für immer. Er wendete
sich an Martin Luther in Wittenberg, der ihm an einem anderen Ort
eine gut bezahlte Pfarrstelle besorgte.
Der geheimnisvolle Gelehrte
Der junge Landgraf Philipp reiste gerade mit seinem Gefolge nach
Heidelberg. An der Bergstraße, südlich von Frankfurt,
begegnete ihm ein Mann, mit dem er ins Gespräch kam. Über
was sich die beiden unterhielten, wissen wir nicht genau. Allerdings
schien der Fremde, der wie ein Gelehrter gekleidet war, auf den
Landgrafen einen großen Eindruck zu machen. Vielleicht imponierte
Philipp, dass sein Gegenüber fließend lateinisch und
griechisch sprechen konnte. Vielleicht interessierten ihn aber
auch die Argumente des Fremden, mit denen er Philipp die Vorteile
der Reformation für seine Landgrafschaft erläuterte.
Plötzlich schoss es Philipp wie ein Blitz durch den Kopf:
Er hatte diesen Mann schon einmal gesehen! War er nicht auch auf
dem Wormser Reichstag gewesen?
Der Landgraf fragte ihn direkt: "Ihr seid doch sicherlich
Philipp Melanchthon, einer von den Wittenberger Reformatoren, die
auf dem Reichstag in Worms 1521 geächtet wurden!" Der
Gelehrte war sehr erschrocken und gab nicht zu, Philipp Melanchthon
zu sein. Aber der Landgraf drängte weiter und drohte sogar: "Ich
bin ein Reichsfürst und müsste Euch jetzt verhaften lassen!
Ihr seid ja in Worms für vogelfrei erklärt worden." Damit
machte er dem Gelehrten so viel Angst, dass dieser nicht einmal
bereit war, ihm eines seiner Bücher zu überlassen. Er
wollte sich erst ins sichere, bereits reformierte Sachsen zurückbegeben.
Immerhin versprach er dem Landgrafen, dass er ihm von dort aus
erklären würde, wer er sei und wofür er stehe.
Sie
trennten sich. Ein Bote überbrachte einige Zeit später
Philipp tatsächlich eine Schrift von Philipp Melanchthon:
die "Summe der christlichen Lehre". Gewidmet war sie
dem Landgrafen.
Geheimbotschaften aus der Haft
Nach dem verlorenen Krieg 1546/47 musste sich Philipp in Halle
dem Kaiser unterwerfen. Die erwartete Gnade auf den Kniefall blieb
allerdings aus. Philipp wurde getäuscht, verhaftet und in
die Niederlande verschleppt und durch spanische Soldaten bewacht.
Er war auch oft Schikanen ausgesetzt, da die spanischen Soldaten
ihren Spaß daran hatten, den Landgrafen zu ärgern. Ständig
waren sie ihm auf den Fersen. Wenn er aus dem Fenster sah, streckten
gleich ein oder zwei spanische Bewacher ebenfalls ihre Köpfe
heraus. Auch nachts lagen sie in seinem Raum, lärmend wechselte
die Wache um Mitternacht mit Trommeln und Pfeifen. Der bisherige
Bewacher begrüßte die Ablösung, in dem er die Bettdecke
von dem schlafenden Philipp mit dem Kommentar riss: "Wir
haben ihn euch geliefert, möget nun ihr ihn bewachen!"
So boten sich nur wenig Möglichkeiten, geheime Anweisungen
an die Familie und die Regierung in Hessen zu schicken, denn die
Bewacher kontrollierten auch seine Briefe. Da kam ihm eine Idee:
Er schrieb seine Botschaften auf Schiefertäfelchen oder auf
fein zusammengefaltetes Papier. Diese steckte er befreundeten Boten
zu, die sie in Ärmelaufschlägen oder unter Hüten
aus der Haft herausschmuggelten. In den geheimen Schriftstücken
gab er Erziehungsratschläge, Anweisungen, wer in ein freigewordenes
Amt eingestellt werden solle oder wie seine Landsleute bei einem
Wildschaden entschädigt werden sollen.
Eine geheime Botschaft schien allerdings seine jüngsten Erfahrungen
wiederzuspiegeln. In der Anweisung erinnert er sich mitfühlend
an die schlechten Zustände der Gefängnisse in Hessen
und befiehlt, die Lage der Gefangenen in den Zuchthäusern
in Kassel, Marburg und in anderen Städten zu verbessern. Er
schreibt: "Die Gefangenen verderben zu lassen, ist eine große
göttliche Strafe und nach sich ziehende Sünde." |